Ab wann gilt ein Baby als Schreibaby?
Als Schreibaby gilt ein Baby nach der Dreier-Regel, wenn es mehr als drei Stunden am Tag schreit, an mindestens drei Tagen in der Woche und seit mindestens drei Wochen. Die Behandlungsempfehlung der Fachgesellschaften zu psychischen Störungen bei Säuglingen und Kleinkindern, Stand Juli 2024, nennt das exzessives Schreien. Nach Angabe des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen schreien je nach Definition 5 bis 19 Prozent der Säuglinge exzessiv.
Schreien ist in den ersten Lebenswochen normal und nimmt dann ab. Babys schreien von der zweiten bis zur sechsten Lebenswoche im Durchschnitt über zwei Stunden täglich, nach der zwölften Woche durchschnittlich unter einer Stunde. Bei den meisten Kindern klingt das exzessive Schreien mit dem Reifungsschub am Ende des dritten Monats ab.
Als mögliche Ursachen nennt die Behandlungsempfehlung die Unreife des Kindes, sein Temperament und eine Reizüberflutung. Ein Zusammenhang mit Magen-Darm-Störungen lässt sich in der Regel nicht nachweisen.
Was Studien zu Osteopathie beim Schreibaby zeigen
Studien zu Osteopathie und Chiropraktik bei schreienden Säuglingen gibt es, aber sie sind klein und haben eine große Schwäche. Die Cochrane-Übersicht von Dobson und Kollegen aus dem Jahr 2012 wertete sechs Studien mit 325 Säuglingen aus. In fünf davon wurde die Schreizeit gemessen. Zusammengefasst schrien die behandelten Babys täglich etwa eine Stunde und zwölf Minuten weniger. Die Schreizeit notierten aber die Eltern, und die wussten in den meisten Studien, ob ihr Kind behandelt worden war.
Wertete das Autorenteam nur die Studien aus, in denen die Eltern das nicht wussten, war der Unterschied nicht mehr statistisch gesichert. Die Autoren halten die Studien für zu klein und zu anfällig für Verzerrungen, um die Wirksamkeit sicher zu beurteilen. Eine Übersicht von Carnes und Kollegen von 2018 mit 19 Studien, darunter sieben mit Losverfahren, fand etwa eine Stunde und 16 Minuten weniger Schreien am Tag. Bei Schlaf und Eltern-Kind-Beziehung war das Ergebnis nicht eindeutig. Ob der kleine Effekt für Eltern bedeutsam ist, blieb offen.
| Frage | Untersuchung | Ergebnis | Einschränkung |
|---|---|---|---|
| Weniger Schreien | Cochrane-Übersicht 2012, 6 Studien, 325 Säuglinge | Etwa 1 Stunde 12 Minuten weniger pro Tag | Nicht gesichert, wenn die Eltern nicht wussten, wer behandelt wurde |
| Weniger Schreien, besserer Schlaf | Carnes 2018, 19 Studien | Etwa 1 Stunde 16 Minuten weniger Schreien, Schlaf ohne klares Ergebnis | Bedeutung für Eltern und Wirkweise unklar |
| Stillprobleme durch Saugschwäche | Eine Studie mit 97 Mutter-Kind-Paaren (2017) | Besseres Anlegen nach Osteopathie plus Stillberatung, Schmerzen der Mutter unverändert | Einzelne Studie, keine Bestätigung |
| Beschwerden von Kindern allgemein | Posadzki 2022, 13 Studien | Wirksamkeit nicht belegt | Qualität der Belege insgesamt niedrig bis sehr niedrig |
| Behandlung an Schädel und Kreuzbein | Bewertung der Bundesärztekammer 2009 | Wissenschaftliche Grundlagen fehlen fast vollständig | Wirkweise spekulativ |
Die Behandlungsempfehlung zu Säuglingen nennt Osteopathie nicht als Behandlung des exzessiven Schreiens. An erster Stelle stehen Beratung und Aufklärung der Eltern und ihre Entlastung. Bei Babys unter drei Monaten reicht das meist aus. Kinder, die über den dritten Monat hinaus und trotz Beratung weiter exzessiv schreien, sollen zeitnah mit einer Psychotherapie behandelt werden, die Kind und Eltern gemeinsam einbezieht. Eine Behandlung mit Medikamenten ist nach der Empfehlung nicht angezeigt.
Was ist das KISS-Syndrom beim Baby?
Das KISS-Syndrom, die Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung, führte Biedermann 1991 als Begriff ein. Nach seiner Annahme blockieren die obersten Gelenke der Halswirbelsäule nach der Geburt und verursachen eine schiefe Kopfhaltung, Trink- und Schlafprobleme und später Lern- und Konzentrationsstörungen. Behandelt wird mit Druck auf die obere Halswirbelsäule.
Die Gesellschaft für Neuropädiatrie hat 2005 Stellung genommen. Die Existenz des KISS-Syndroms als Krankheitsbild ist nach ihrer Stellungnahme eine bisher unbewiesene Hypothese. Sie hält Griffe an der Halswirbelsäule zur Behandlung solcher Symmetriestörungen grundsätzlich nicht für empfehlenswert.
Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover beschrieben 2009 zwei Säuglinge, deren schiefe Kopfhaltung als KISS gedeutet wurde. Beide hatten einen Hirntumor, und die richtige Diagnose verzögerte sich um Monate. Für die Existenz des KISS-Syndroms als Krankheitsbild und für Vorteile einer manuellen Behandlung gibt es nach dieser Arbeit keinen wissenschaftlichen Beleg. Etwa 12 Prozent der Säuglinge unter zwölf Monaten halten den Kopf bevorzugt schief, 8 Prozent zeigen eine Asymmetrie des Körpers. Die meisten Fälle sind harmlos, die Liste der ernsten Ursachen ist aber lang.
Welche Risiken manuelle Behandlungen bei Säuglingen haben
Schwere Komplikationen nach manueller Behandlung von Säuglingen und Kindern sind selten, aber beschrieben. Eine Literaturauswertung von Todd und Kollegen von 2015 fand 15 schwere Komplikationen, darunter drei Todesfälle. Diese traten bei einem Physiotherapeuten, einem Therapeuten für Behandlung an Schädel und Kreuzbein und einem unbekannten Behandler auf. Die zwölf schweren Verletzungen entfielen unter anderem auf sieben Chiropraktoren, einen Osteopathen und zwei Physiotherapeuten. Bei den meisten Fällen bestand eine Vorerkrankung.
Eine Übersicht in Pediatrics (Vohra und Kollegen, 2007) unterschied zwei Arten von Schäden. Direkte Schäden durch die Behandlung selbst, etwa Hirnblutungen oder Lähmungen, fand sie in 14 Fällen, neun davon schwer. Häufiger waren indirekte Schäden. In 20 Fällen verzögerte die manuelle Behandlung die Diagnose einer ernsten Krankheit wie Diabetes, eines Tumors oder einer Hirnhautentzündung. Teils wurde sie trotz einer solchen Krankheit angewendet. Ursache und Häufigkeit lassen sich aus solchen Berichten nicht ableiten.
- Die meisten Komplikationen traten nach Techniken mit schnellem Impuls, Streckung oder Drehung an der Wirbelsäule auf.
- Eine gründliche Vorgeschichte und Untersuchung vor jeder Behandlung kann das Risiko senken, weil Fehlbildungen und Vorerkrankungen erkannt werden.
- Leichte Ereignisse zählte die Übersicht von 2018 mit sieben auf 1.000 behandelte Säuglinge und hält manuelle Behandlung für relativ sicher. Die Cochrane-Übersicht sagt dagegen, die Daten reichen für ein abschließendes Urteil zur Sicherheit nicht aus.
Auch sanfte Techniken ersetzen die ärztliche Untersuchung nicht. In der Auswertung von Vohra kamen verzögerte Diagnosen häufiger vor als direkte Schäden. Deshalb zählt vor jeder Behandlung eines Babys die ärztliche Untersuchung mehr als die Wahl der Technik. Wie sich die Risiken von Osteopathie und Chiropraktik allgemein unterscheiden, lesen Sie unter Risiken von Osteopathie und Chiropraktik.
Was Eltern bei viel Schreien sofort entlastet
Anhaltendes Schreien ist der Hauptauslöser für das Schütteln von Säuglingen. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen nennt die Folgen. 10 bis 30 Prozent der geschüttelten Kinder, die in eine Klinik kommen, sterben. Rund zwei Drittel der Überlebenden erleiden verzögerte oder chronische Schäden. Schätzungsweise 100 bis 200 Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltrauma kommen jährlich in deutsche Kliniken. Die Behandlungsempfehlung nennt deshalb die Aufklärung über das Schütteltrauma als festen Teil der Beratung.
- Lassen Sie Ihr Baby kinderärztlich untersuchen, um körperliche Ursachen auszuschließen, und führen Sie ein Schrei- und Schlaftagebuch über 24 Stunden.
- Reduzieren Sie Reize und vermeiden Sie Übermüdung: ruhige Umgebung, feste Schlafphasen am Tag, Wachzeiten für gemeinsames Spielen.
- Holen Sie Partner, Großeltern oder Freunde dazu, damit Sie kritische Schreiphasen nicht allein überbrücken.
- Legen Sie Ihr Baby sicher in sein Bett und nehmen Sie sich eine kurze Pause, wenn Sie merken, dass Wut oder Verzweiflung wachsen. Die Behandlungsempfehlung ermutigt ausdrücklich dazu, ein untröstliches Baby abzulegen. Schütteln Sie ein Baby nie.
- Suchen Sie Hilfe in einer Schreiambulanz, einer Familien- oder Erziehungsberatungsstelle oder der Kinderarztpraxis, wenn das Schreien Sie erschöpft oder über den dritten Monat hinaus anhält.
Das feste Einwickeln des Babys, Pucken genannt, empfiehlt die Behandlungsempfehlung nicht. Auf elternsein.info, dem Angebot des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen, können Eltern nach Schreiambulanzen und Angeboten der Frühen Hilfen suchen.
Wann Osteopathie für Ihr Baby infrage kommt
Manche Eltern entscheiden sich nach der kinderärztlichen Untersuchung trotzdem für Osteopathie. Die Techniker Krankenkasse zahlt ihren Zuschuss von 40 Euro je Sitzung für höchstens drei Sitzungen im Jahr auch für Kinder, mit ärztlicher Bescheinigung vor Beginn. Sie zahlt dabei höchstens die tatsächlichen Kosten. Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Sie sollte weder die Untersuchung ersetzen noch die Beratung, die die Behandlungsempfehlung an erste Stelle setzt.
Hat eine Kinderärztin oder ein Kinderarzt Ihr Baby wegen der Beschwerden untersucht?
Hat die Praxis Warnzeichen gefunden, etwa eine Gedeihstörung, neurologische Auffälligkeiten oder eine Infektion?
Dann gehört die Behandlung in ärztliche Hand. Osteopathie ersetzt sie nicht und kann die Diagnose verzögern.
Osteopathie kommt als Ergänzung infrage, ein Nutzen ist aber nicht gesichert. Lehnen Sie Griffe mit Impuls an der Halswirbelsäule ab und nutzen Sie parallel Beratung und Entlastung.
Lassen Sie Ihr Baby zuerst kinderärztlich untersuchen. Die Behandlungsempfehlung verlangt das bei jedem Kind, das exzessiv schreit.
Häufige Fragen
Hilft Osteopathie bei einem Schreibaby?
Dass Osteopathie einem Schreibaby hilft, ist nicht gesichert. Eine Cochrane-Übersicht von 2012 fand in mehreren kleinen Studien mit zusammen 325 Säuglingen etwa eine Stunde und zwölf Minuten weniger Schreien am Tag. Das galt aber nur, solange die Eltern wussten, ob ihr Kind behandelt wurde. In den Studien ohne dieses Wissen war der Unterschied nicht gesichert.
Was ist das KISS-Syndrom beim Baby?
Das KISS-Syndrom, die Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung, ist eine 1991 aufgestellte Annahme, dass blockierte Kopfgelenke bei Babys Schiefhaltung, Trink- und Schlafprobleme verursachen. Die Gesellschaft für Neuropädiatrie nannte die Existenz dieses Krankheitsbilds 2005 eine unbewiesene Hypothese. Eine anerkannte Diagnose ist das KISS-Syndrom nicht.
Ab wann gilt ein Baby als Schreibaby?
Ein Baby gilt nach der Dreier-Regel als Schreibaby, wenn es mehr als drei Stunden am Tag, an mindestens drei Tagen pro Woche und seit mindestens drei Wochen schreit. Bei den meisten Kindern klingt das exzessive Schreien mit dem Ende des dritten Lebensmonats ab. Jedes Schreibaby muss nach der Behandlungsempfehlung kinderärztlich untersucht werden.
Welche Risiken hat Osteopathie bei Babys?
Schwere Komplikationen nach manueller Behandlung bei Babys sind selten, aber beschrieben, bis hin zu einzelnen Todesfällen. Eine Literaturauswertung von 2015 fand bei den meisten Fällen eine Vorerkrankung. Häufiger als direkte Schäden waren in einer Übersicht von 2007 verzögerte Diagnosen. Deshalb gehört das Baby vor jeder manuellen Behandlung in die Kinderarztpraxis.
Zahlt die Krankenkasse Osteopathie für Babys?
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt Osteopathie für Babys nicht als Regelleistung, einige Kassen geben einen freiwilligen Zuschuss. Die Techniker Krankenkasse gewährt ihn allen Versicherten, auch Kindern: 40 Euro je Sitzung für höchstens drei Sitzungen im Jahr, mit ärztlicher Bescheinigung vor der ersten Behandlung.
Wo bekommen Eltern eines Schreibabys Hilfe?
Eltern eines Schreibabys bekommen Hilfe in der Kinderarztpraxis, in einer Schreiambulanz und in Familien- und Erziehungsberatungsstellen. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen bietet auf elternsein.info eine Suche nach Schreiambulanzen und Angeboten der Frühen Hilfen an. Wer merkt, dass die Verzweiflung wächst, legt das Baby sicher ab und nimmt sich eine kurze Pause.
